Donnerstag, 12. November 2015

Dubiose Versprechungen der Pharmafirma OvaScience, unfruchtbaren Frauen zu helfen

Dr. Edith Breburda

Ist die Biotechnologie soweit, Körperzellen zu Eizellen umzuwandeln, woraus sich letztendlich lebensfähige Babys entwickeln? Eine derartige Methode würde die biologische Uhr der Frau hinfällig machen. Sie wäre wie der Mann zeitlebens“ fruchtbar.

Auf einer sehr populären Unfruchtbarkeits-Internetseite konnte man am 11. August 2014 den folgenden anonymen Eintrag finden

 „Ich bin 47 Jahre alt und lese die Webseite der Pharmafirma OvaScience. Dort wird über neue Behandlungsmethoden berichtet, die für In-Vitro-Fertilisationen benutzt werden können. Hat jemand darüber näherer Informationen?”, fragt die Frau.

In den 14 Monaten, die seitdem vergangen sind kamen 3500 Antworten. Viele von ihnen sind voll des Lobes über die Versprechungen von OvaScience. In einer Zuschrift heißt es, eine Frau habe bereits 300.000 US Dollars für Fruchtbarkeitsbehandlungen ausgegeben. Trotzdem will sie nochmals Geld aufnehmen, um mit OvaScience  schwanger zu werden. Die Institution verspricht, primitive Zellen in Eizellen umwandeln zu können.

“Ich wette bei meinem Leben, dass ich dank dieser Methode bald ein Baby haben werde“, behauptet eine andere Frau, die ihre Renten-Ersparnisse bereits in OvaScience steckte.

Wenn Kunden so viel Vertrauen in ein Biotechnologie-Unternehmen setzen und Spender bereits 2011 und 2012 zweihundertvierzig Millionen US Dollars für  Forschungsvorhaben aufgebracht haben, muss man sich fragen, was diese Firma von andern In-Vitro-Kliniken unterscheidet?

OvaScience Forscher wollten es einfach nicht hinnehmen, dass die Zahl der Eizellen, die einer Frau zur Verfügung stehen, bereits bei der Geburt festgelegt ist. Sie wollten die Biologie der Frau verändern.

„Die Möglichkeit, mehr Eizellen herzustellen, kommt einer Revolution in der Frauengesundheit gleich“, sagte der Reproduktionsbiologe Roger Gosden der New York Times bereits 2004.

Anlass war ein Artikel von Jonathan Tilly, der am 12. März 2004 in der Fachzeitschrift Science erschien. Dr. Tilly gründete OvaScience. Obwohl viele Wissenschaftler überzeugt sind, dass es keine Stammzellen in den Eierstöcken gibt, die noch nach der Geburt Eizellen produzieren, behauptet Tilly einen Weg gefunden zu haben, genau solche Eizellen entwickeln zu können. Damals, 2004, waren Mäuse die Versuchstiere. Die zuständige US-Behörde verlangte von OvaScience mehr Daten zu sammeln, bevor eine derartige Therapie für Menschen zugelassen wird.

Jonathan Tilly ist über die vielen Zweifler an seinen Studien frustriert. Seine Kollegen erwähnen, dass er bei Vorträgen oft schon vor der Diskussion den Saal verlässt, um lästigen Fragen aus dem Weg zu gehen.

Am 29. Juli, 2005 berichtete Tilly, der damals noch an der Harvard praktizierte, im Fachmagazin Science über seine Mäuse-Experimente. Er gewann seine sogenannten Eizellstammzellen aus dem Knochenmark.

„Ich hatte damals Patientinnen, die mir erzählten, sie gehen in Boston in das Mass General Krankenhaus, um sich Knochenmarkszellen entnehmen zu lassen, aus denen dann Eizellen entstehen. Ich sagte zu ihnen, dass derartige Versuche nicht replizierbar sind. Die Frauen antworteten mir jedoch, sie würden alles tun, um ein Kind zu bekommen “, erinnert sich Dr. David Keefe, ein Fruchtbarkeitsspezialist des Langone Medical Centers der New York Universität.

Ein Jahr später wurde Tilly’s Studie widerlegt (Science, 16 Juni 2006). Dann fing Tilly an die angeblichen Eizellvorläuferzellen anstatt aus Knochenmark aus Eierstöcken zu entnehmen.

OvaScience, hat seinen Hauptsitz in Waltham, Massachusetts, USA. Seit neuestem bietet die Firma außerhalb der USA Frauen die neuartige AUGMENT Therapie für 50.000 Dollars per Zyklus an. Wissenschaftler der Firma haben ein Elixier hergestellt, das sie mit den Samenzellen vermischen und bei einer In-Vitro-Fertilisation anwenden.
AUGMENT Methode von OvaScience
 
Aus der Außenwand der Eierstöcke gewinnen die Forscher ein Gemisch aus denen sie angebliche Vorläufer von Eizellen entwickeln. Daraus werden Mitochondrien extrahiert, die mit den Spermienzellen bei der Befruchtung wieder eingebracht werden. Ob es funktioniert, weiß keiner. Man arbeitet also letztendlich nur mit Substanzen, die man aus den angeblichen Eistammzellen extrahiert. Eine Stammzelle ist eine Zelle, aus der funktionstüchtige Zellen hervorgehen. Eine Eistammzelle müsste demnach selbständige Eizellen bilden.
Und trotzdem behauptet Tilly, dass er Eistammzellen gefunden hat, die er in Eizellen umwandeln kann. Skeptiker betonen hingegen, man könne erst von einer Eizelle reden, wenn die Zelle einen haploiden Chromosomensatz hat und wenn eine Befruchtung Nachkommen hervorbringt.

Ji Wu von der Shanghai Jiao Tong Universität in China schrieb 2009 in einem Artikel in Nature Cell Biology von Zellen aus Eierstöcken von neugeborenen Mäusen, die er in sterilisierte Mäuse transplantierte, die daraufhin trächtig wurden. Tilly hat die Versuche von Ji Wu nachgemacht, es dauerte jedoch neun Monate bis er endlich Erfolg hatte. „Diese lange Zeit gibt den Skeptikern Recht, die längst vorher aufgeben“, sagt Tilly.

Evelyn Telfer von der Universität Edinburgh stellte fest: “Ich glaube es gibt doch so etwas wie Eistammzellen.“

Wissenschaftler die versucht haben Wu zu kontaktieren hatten allerdings keinen Erfolg. Er reagiert weder auf Anrufe, noch auf Emails.

Viele Forscher zweifeln an den Mäuse-Studien, die nicht nachvollziehbar sind. Vier Forschungsteams konnten keine Eistammzellen finden, egal welche Methode sie anwendeten. „In meinem Labor konnte ich sie nicht isolieren“, sagt Prof. Kui Liu von der Universität von Gothenburg in Schweden.

Weder Dr. Kui Liu, noch Lin Liu Nankai von der Universität  Tianjin in China, haben diese Zellen in Affen, Menschen und Mäusen gefunden. „Vielleicht sehen die Zellen unter dem Mikroskop so ähnlich aus wie Eizellen, und eventuell reagieren sie auf Hormone so wie Eizellen, aber sie teilen sich nicht und sind nicht haploid, so wie alle Eizellen. Es handelt sich um ein Wunschdenken“, sagen John Eppig und David Page, zwei Wissenschaftler von Universitäten in Massachusetts-USA.

Tilly ist zugegebenermaßen erstaunt über seine Kollegen. „Jeder der weiterhin die Existenz dieser Eistammzellen leugnet, obwohl sie so oft in der Literatur beschrieben worden sind, ist entweder naiv oder hat irgendwelche Hintergedanken, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben“, behauptet er.

Sein Kollege Hugh Clarke von der McGill Universität in Montreal, Kanada, ist fassungslos- „Ich dachte die Debatte ist endgültig vorbei. Hingegen schenkt man den Eistammzellen immer mehr Aufmerksamkeit. Ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler in der Grundlagenforschung, der allen ernstes an diese Zellen glaubt. Und plötzlich ist da diese dubiose Firma OvaScience.“

Zian Rajani, ist das erste Baby, das im April 2015 in Toronto/Kanada durch die Mithilfe der AUGMENT Behandlung von OvaScience auf die Welt kam.

Bilder des Babys mit seinen schwarzen Haaren und den geballten Fäustchen gingen um die Welt. Seine Mutter bekam einen Extrasatz Mitochondrien bei der Befruchtung injiziert. Mitochondrien sind kleine Zellorganellen, die sich in jedem Zellplasma befinden und als Energie-Lieferant der Zelle fungieren. Die Mitochondrien der Eizellen von älteren Frauen sind nicht mehr so funktionstüchtig. Dr. Tilly sagt er wurde durch ein Experiment der späten 90iger Jahre inspiriert. Wissenschaftler entnahmen damals Zellplasma von jungen Frauen und spritzten es in Eizellen von 30 unfruchtbaren Frauen. Dreizehn der Probanden wurden daraufhin schwanger.

Jacques Cohen, von der Livingston Universität in New Jersey, der damals die Versuche machte, beschreibt sie als Pilot Studie, die einigen Frauen verhalf schwanger zu werden, aber ansonsten keine sicheren Erkenntnisse lieferte.

Tilly war dennoch beeindruckt. „Es hat immerhin bei 43% funktioniert“, erklärt er.

Krankenhäuser in Kanada, der Türkei und den Arabischen Emiraten bieten seit 2011 die AUGMENT Methode an. Panama, Spanien, Japan und Groß Britannien werden wohl bald folgen.

Seitdem sind angeblich 17 gesunde Babys mit Hilfe von AUGMENT geboren worden. Sie hatten allerdings jüngere Mütter. „Ärzte haben eine höhere Fruchtbarkeitsrate bei Frauen festgestellt“, sagte der Direktor von OvaScience Michelle Dipp im September 2015. Neun von 34 Frauen werden fruchtbar, heißt es in den einschlägigen Fachzeitschriften: Journal of Fertilization, In-Vitro-IVF-Worldwide, Reproductive Medicine, Genetics & Stem Cell Biology.

Prof. Keefe, der New Yorker Spezialist für Unfruchtbarkeit ist sehr verärgert. Er war Mitglied der US Food and Drug Administration, der Arzneimittelbehörde, die derartige Therapien auswertet „Das was OvaScience tut, ist völlig fehlerhaft. Die Patientinnen haben 2-3 erfolglose Fruchtbarkeitstherapien hinter sich. Was OvaScience veranlasst dieses als „Null-Fertilität“ zu bezeichnen. Dann werden sie behandelt und haben eine 20 prozentige Erfolgsquote. Wenn ich eine Münze werfe und wenn sie erst beim dritten Mal auf den Kopf fällt, ist das nicht plötzlich 100 mal besser. Daten haben gezeigt, dass die Fruchtbarkeitsrate bei 5 Zyklen 30% beträgt. Jeder möchte gerne an den Hl. Nikolaus glauben. Man zahlt immerhin 50.000 US-Dollars pro Zyklus. OvaScience kann ja weiterhin behaupten Eistammzellen gefunden zu haben, nur glaubt das außer ihnen kein Mensch auf der Welt.“ Keefe fordert, dass OvaScience keine Therapien mehr anbietet, solange die Grundlagenforschung nicht stattgefunden hat.

OvaScience hat eine Niederlassung in Kanada. In den USA erwartet die FDA von OvaScience reguläre klinische Studien, wie bei allen neuen Therapien. Dementsprechend ist die Konversation zwischen OvaScinece und der FDA minimal. Da jedoch AUGMENT in anderen Ländern angenommen wird, sieht sich OvaScience nicht unbedingt der FDA gegenüber verpflichtet. „Der Endmarkt ist attraktiv“, sagt Zarak Khurshid von der Firma WedBush Securities in San Francisco, der den Werdegang von OvaScience  verfolgt. „Da sind sehr motivierte Kunden. Es ist ein barzahlendes Geschäft.“

AUGMENT ist erst der Anfang. Die Pharmaindustrie plant zwei weitere Therapien:  OvaPrime und OvaTure benutzen Extrakte aus den sogenannten Vorläuferzellen der Eistammzellen. Die Therapie mit OvaPrime, die zwei chirurgische Eingriffe erfordert, soll Ende 2015 angeboten werden. Im Grunde handelt es sich um die gleiche Therapie wie bei der Methode von AUGMENT.  

Hugh Taylor, der Forschungsgelder von OvaScience bekommt, ist der Meinung, es wäre unethisch, eine erfolgsversprechende Behandlung nicht anzuwenden. Er hofft AUGMENT wird bald auch in den USA angeboten. „Ärzte sollen die Wirkung selber herausfinden. Grundlagenforschung ist nicht so wichtig in diesem Fall.“

Die Austragenden dieses Dramas sind die Patientinnen, die jede Behandlung ertragen; jeden Preis zahlen; sonst wohin fahren, nur mit dem Ziel ein eigenes Baby  zu bekommen.

Literatur: Jennifer Couzin-Frankel, Feature: A controversial company offers a new way to make a baby. Science Magazine, Latest News, 5. Nov. 2015

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