Samstag, 2. Januar 2016

Für diese behinderten Kinder gibt es kein Nein. Sie lernen Surfen, um ihr Leben zu meistern

Dr. Edith Breburda
Publiziert, Christliches Forum, 7. Januar 2016
Es sei unerhört und eine Gefahr für behinderte Kinder, Wellen zu reiten. Dem Surflehrer Jack Viorel sollte man dies verbieten. Diese Argumente spornten Jack jedoch an. Seine Vision ist es, Kindern zu helfen, selbstbewusst und hoffnungsvoll ihre Zukunft zu gestalten.

Er nannte seine Surfschule Waves of Hope (Wellen der Hoffnung).

Ein 49 jähriger, tiefgebräunter Mann mit graumeliertem Haar steht mit den Füssen im Meer von Wrightsville Beach in North Carolina. Lächelnd beobachtet er eine kleine Schar von Kindern, die auf ihren Brettern die Wellen reiten. Einige von ihnen liegen, andere stehen auf dem Surfbrett. Dass sie früher oder später ins Wasser fallen, macht ihnen nichts aus. Sie sind begeistert und genießen sichtlich die rauen Wellen des Atlantiks.
Dyan, Maddox und Evan sind heute mit dabei. Alle drei Achtjährigen sind blind. Sie werden in der Wellenreiter-Schule umsonst unterreichtet.
Jack spornt sie an, als sie am Strand stehen und seine Instruktionen bekommen. “Die Welle hat Dich wirklich umgeworfen. Plötzlich bist Du total verschwunden“, sagt er zu dem kleinen Dyan. Jack nennt ihn Dynamit, weil er sogleich wieder hinaus paddelt.
„Es geht darum, sofort aufzustehen und es wieder zu versuchen. Oft grenzen wir den Handlungsspielraum behinderter Menschen ein. Und genau diese Einstellung, dass ihnen gewisse Dinge niemals möglich sein werden, wollen wir brechen. Was auch immer sie in ihrem Leben tun, sie lernen selbstbewusst und mit Zuversicht, Herausforderungen zu meistern.“
Jack deutet auf Evan. Ein ganz normaler Junge. Er war schon vor zwei Jahren in der Surfschule. Damals lag er nur auf dem Surfbrett. Es war ein ängstliches Kind. Heute klatschen alle, wenn er Wellen reitet. Er rennt so schnell wieder in das Wasser, dass die Surflehrer Schwierigkeiten haben, ihm zu folgen. Er vertrödelt keine Minute am Strand, um die Wellen da draußen zu bezwingen. Seine Mutter berichtet, ihr Sohn habe angefangen, alle anderen Dinge genauso zu konfrontieren.
Seit 2007 betreibt Viroel die Surfschule. Er wollte Leute inspirieren, die sonst nie daran gedacht hätten, ein Surfbrett auch nur anzufassen. Seine Schüler kamen aus Weißrussland. Sie alle litten an den Folgen von Tschernobyl.
Vom Lejeune-Jacksonville (North Carolina Marineinfanteriekorps der Vereinigten Staaten von Amerika) kamen die im Irak und Afghanistan verletzte Soldaten.
Einige seiner Schüler hatten AIDS. Auch Autistische Kinder waren dabei. Alle von ihnen lernten Wellenreiten.
Jack Viorels bekommt staatliche und private Zuschüsse. Aber eigentlich ist es Jacks Begeisterung und Expertise, die die Schule unterhält.
 “Es ist nicht so wesentlich, ob sie danach jemals wieder Wellenreiten gehen”, sagt er. “Von Bedeutung ist, dass sie wissen: wenn ich surfen kann, wird mir alles andere auch möglich sein. Diese Überzeugung wird ihr ganzes Leben beeinflussen.“
Viroel hat im Laufe der Jahre eine Strategie entwickelt. Am Strand lernen die Schüler, auf das Surfbrett zu springen. Dann dürfen sie soweit in das Wasser, wie es ihnen angenehm ist. Wenn sie am Ende auch nur für einige Sekunden eine Welle reiten, hat sich die Schulung gelohnt.
Viroel will seinen Schülern lehren, sich ihren Ängsten zu stellen und ein Scheitern zu verarbeiten. Jeder Fall gibt ihnen auch die Möglichkeit, es wieder zu versuchen.

„Ich glaube, das Wichtigste für ihr Leben ist, es zu lernen, trotz Widerwärtigkeiten weiter zu machen.“
Nicht jeder stimmt Jack zu. Als er die Schule aufmachte, bekam er Hass-Emails in denen stand: „Sie sollten das nicht machen. Es ist zu gefährlich, behinderte Kinder surfen zu lassen.“
„Als ich all das gelesen hatte, dacht ich mir: Genau deshalb werde ich den Kindern Surfen beibringen. Ich wollte mit dem Klischee, das kannst oder darfst Du nicht, brechen.“
Sein ganzes Leben bekam Jack diesen einen Satz zu hören, für gewisse Dinge nicht zu taugen. Schon in der Schule sagte man ihm, er sei zu kleinwüchsig, um Fußball zu spielen. Später spielte er in der Liga seiner Universität. Jack genoss es immer mehr den Leuten das Gegenteil ihrer Vorurteile zu beweisen. Nach seinem Sportstudium wurde er Ski- und Surflehrer. Doch all das reichte ihm nicht. Irgendetwas fehlte ihm, und er hatte den Eindruck, mehr tun zu müssen. So ging er wieder auf die Uni, um Sonderschullehrer zu werden.
Sein erstes Jahr an einer Sonderschule wurde zum Desaster. Eine Verdemütigung folgte auf die andere. Aber er stand immer wieder auf. „Vom Wellenreiten wusste ich, dass dich das Meer sehr verängstigen kann. Entweder bist du hundertprozentig bei der Sache, oder du verlässt das Wasser.“

Als Lehrer war er ein Querdenker. An Lehrpläne hielt er sich nie. Er nahm seinen Hund mit in die Schule und spielte mit den Kindern in den Pausen.
Die Idee, eine Surfschule für Behinderte aufzumachen, kam ihm, als er ein Mädchen mit Kinderlähmung an den Pazifischen Ozean mitnahm.
Vor sieben Jahren reist der dreifache Vater zum ersten Mal nach Indien, um dort Waisenkindern surfen beizubringen. Unter ihnen war die kleine Reena, die ihn am meisten beeindruck hat. Sie wurde als Kind entführt. Man stach ihr ein Auge aus, damit sie mehr Geld beim Betteln eintreibt. Reena dachte, sie hätte keine Zukunft. Es fehlte ihr eine Perspektive. Doch als Jack ihr das Wellenreiten im Indischen Ozean lehrte, schrieb sie einen Brief an die katholischen Schwestern ihres Waisenheimes. Begeistert berichtete sie über ihre Fortschritte. Sie versprach, eifrig in der Schule zu lernen. Plötzlich hatte ihr Leben wieder einen Sinn. Jack kam jedes Jahr nach Indien. Heute ist die 14-Jährige wie umgewandelt und eine der Besten in ihrer Klasse.
Zurück in Wrightsville Beach fährt Jack seinen buntbemalten VW, der mit Surfbrettern und Kindern beladen ist, zum Strand, wo er auf Ben McCrosky trifft. Der einbeinige ehemalige Unteroffizier, der in Afghanistan gekämpft hatte, schlendert mit einem Bier in der Hand über den Strand. Auch er besuchte vor drei Jahren Jacks Surfschule. Seinen ersten Tag verbrachte er damit, dauernd vom Surfbrett zu fallen und wieder aufzuspringen.

Wie auch immer er sich hinstellte, mit seiner Prothese konnte er die Balance nicht halten. Am nächsten Tag hatten seine Surflehrer Tränen in den Augen, als Ben, auf einer Welle reitend, den Strand erreichte. Viroel gab dem verwundeten Ben sein altes Leben zurück.

McCorsky erzählt seine Geschichte immer den neuen Schülern von Jack. Doch Jack hörte gar nicht mehr zu. Er nimmt keinen Lob von seinen Schülern an. Er ist überglücklich, wenn solche Dinge passieren. „Wenn ich mich müde fühle oder mich frage, ob ich überhaupt weiter machen soll, kommen mir diese Geschichten in den Sinn. Sie lassen mich fortfahren“, sagt Jack. (Quelle: Matt Crossman, Waves of Hope. American Way, Dezember 2015).

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