Montag, 4. Januar 2016

Unvorhersehbare Spontanmutation ließen gesunde Eltern erbkrankes Kind bekommen. Wird Genscreening sinnlos?

Dr. Edith Breburda

Christliches Forum, 31. 1.2016
Wissenschaftler der Universität Luxemburg stellten zu ihrem Erstaunen fest, dass ein Fanconi-Anämie kranker Junge gesunde Eltern und Geschwister hatte, obwohl es sich bei der Anämie um eine Erbkrankheit handelt.

Dr. Patrick May und sein Team benutzen modernste Sequenzierungsmethoden und weitere zell- und molekularbiologische Techniken, um das Gesamtgenom zu studieren, welche eine Fanconi-Anämie verursachen. Die Luxemburger Universität’s Klinik untersucht die Ursachen eines autosomal-rezessiv vererbten Fehlbildungssyndrom, das zu den seltenen, sogenannten Chromosomenbruchsyndromen gehört.
Die Patienten leiden an: einem vorgeburtlichen Minderwuchs; einem kleinen Kopf; besitzen eine braune Hautfarbe mit sogenannten Café-au-lait-Flecken; verschiedenen Fehlbildungen der Nieren und der Hoden und einem vollständigen Funktionsverlust des Knochenmarks (Knochenmarkdepression) mit der daraus resultierenden starken Verminderung aller Blutzellen, sowie einer erhöhten Chromosomenbruchrate. Durch eine Knochenmarkstransplantation könnte eine Heilung erzielt werden.
Dr. Patrick May kann mit seinen Untersuchungen Mutationen im RAD51-Gen identifizieren. „RAD51 ist wichtig für die Reparatur von Fehlern an der DNA, die unweigerlich bei der Zellteilung auftreten können“, sagt der Forscher.
Bei der Untersuchung eines Jungen, der an der Fanconi-Anämie litt, stellte May zu seiner Überraschung fest, dass die Eltern und Schwester des Kindes gesund waren:
„Die Mutation trat in nur einer der zwei Ausfertigungen des Genes auf, die jeder Mensch in seinen Zellen trägt. Zugleich war keines der RAD51 Gene bei den Eltern betroffen.“
Das bedeutet: Die normalerweise autosomal-rezessiv vererbte Krankheit, wurde durch eine neu entstandene Spontanmutation im RAD51-Gen verursacht. Somit wurde der Patient Träger einer nicht vererbten Krankheit. Bisher vertraten Forscher die These, dass Mutationen, die zur Fanconi-Anämie führen, durch beide Eltern bedingt sind, die beide ihr mutiertes RAD51-Gen an den Nachkommen weitergeben. Ein Fall der Spontanmutation hatte man noch nie beobachtet.
„Die Folge der Mutation des RAD51-Gens ist, dass das Protein mit der veränderten Aminosäure die Aktivität des ebenfalls vorhandenen unveränderten Proteins stört. So kommt es, dass das Kind mit Fanconi-Anämie erkrankt, obwohl die Eltern nicht Träger der Mutation sind. Darüber hinaus gibt uns das Verständnis der Mutation auch Einblicke, wie Störungen bei der DNA-Reparatur zu Leukämie und Tumoren führen können,“ erklärt Dr. May.

Die Studie von Dr. May hat Konsequenzen bei der modernen Familienplanung.
Sinn einer genetischen Beratung für Eltern, die entweder selber oder deren Verwandte an einer Erbkrankheit leiden, ist, erbkranke Gene zu identifizieren, um das Risiko, ein krankes Baby zu bekommen, einzudämmen. Bisher untersucht man menschliches Erbgut von Erbkranken Trägern nur daraufhin, ob ein Gen mit der entsprechenden Erkrankung vorliegt. Man denke an das Brustkrebs-Gen BRCA1 (1).

2009 brachte in England eine 27-jährige Mutter ein Baby zur Welt, das frei vom Brustkrebsgen war. Ärzte der Universität in London erzeugten mit Hilfe der künstlichen Befruchtung acht Embryos, welche sorgsam untersucht wurden, ob sie nicht Träger des Brustkrebsgenes BRCA1 sind. Durch Präimplantationsdiagnostik ließen sich zwei Embryos ausselektieren, die dann der Mutter eingepflanzt wurden. Mütter, die mit dieser Erbkrankheit behaftet sind, besitzen eine 80%ge Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, und haben zu 60% das Risiko, Eierstockkrebs zu entwickeln. Im «Englischen Fall» war der Vater seit drei Generationen Träger des Brustkrebsgens und hätte eventuell die Krankheit an eine Tochter weitervererben können. Die Mediziner hoffen nun, dass ihr Baby keinen Brustkrebs ausbilden wird. Jedoch – selbst wenn das Kind das Gen nicht besitzt, ist eine solche Garantie sehr vage, da Krebs multifaktoriell bedingt ist (2).

Wie die Studie von Dr. May zeigt, kann es auch zu unvorhersehbaren Spontanmutationen kommen, die zur Erkrankung eines Kindes mit Fanconi-Anämie führte. Kann diese Studie dazu beitragen, die Anwendung von Genscreening und die meist damit verbundene Ausmusterung von erbkranken Embryos in der Präimplantationsdiagnostik als obsolet zu betrachten?

Literatur:
1) Najim A. et al., A novel Fanconi anemia subtype associated with a dominant-negative mutation in RAD51, Nature Communications, 15. Dez. 2015/ Universität Luxemburg, Fanconi-Anämie: Mutation trotz Vererbungsthese, Doccheck News, 4. Jan. 2015

2) E. Breburda, Verheissungen der neuesten Biotechnologien, MM Verlag, ISBN-10: 3717111728, ISBN-13: 978-3717111726, 7. Juni 2010, ASIN: B007MSBJGM
 

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