Montag, 25. April 2016

Stechmücken werden zur Gefahr

Lebensforum,- Medizin, Nr. 117, 1. Quartal 2016, S. 24-25

Das Zika-Virus hat allein in Brasilien bereits weit mehr als eine Million Menschen in ziert. Das Virus steht im Verdacht, bei ungeborenen Kindern schwere Fehlbildungen des Kopfes und des Gehirns zu verursachen. Virologen rechnen damit, dass sich das Virus in der gesamten Karibik ausbreiten wird, und schließen auch nicht aus, dass es sich in den USA verbreiten wird. 
Dr. med. vet. Edith Breburda
Niemand mag Stechmücken. Wir alle wissen, wie unangenehm ein Insektenstich ist. Ganz besonders, wenn Wissenschaftler immer wieder vor den Krankheiten warnen, die durch die Insekten verbreitet werden können. Reisende in exotische Länder wissen sehr genau über die Gefahren Bescheid, die Malaria, Dengue Fiber oder das West-Nil-Virus mit sich bringen. Ohne Mückenspray in der Tasche unterwegs zu sein, ist leichtsinnig. Erschreckend ist die Nachricht, dass unheilbare Krankheiten sich über Insekten ausbreiten. In Puerto Rico und Brasilien wurde kürzlich über den Ausbruch des Zika-Virus berichtet.
US-Behörden befürchten, dass es bald auch Krankheitsfälle in Nordamerika geben wird. Von dem Virus sind vor allem ungeborene Kinder betroffen. Eine Infektion des Zika-Virus sorgt dafür, dass sich das Gehirn ungeborener Kinder nur teilweise entwickelt. Neugeborene, die unter einer Mikrozephalie leiden, haben abnormal kleinere Köpfchen. Ihre Entwicklung verzögert sich, und sie werden wahrscheinlich nicht sehr lange leben.
Warum das Zika-Virus eine Mikrozephalie hervorruft, ist bisher kaum erforscht. Der erste Fall trat 1940 in Uganda auf. Bald schon erkrankten die Menschen in ganz Afrika, Asien, Lateinamerika. Im Jahr 2015 in zierten sich allein in Brasilien etwa 1,5 Millionen Menschen mit dem Virus. Die Aedes-Mücke ist Träger des Zika-Virus und damit ihr Hauptvektor. Die Migration der Moskitos in andere Länder würde durch »Global Warming« (»globale Erwärmung«) begünstigt, spekulieren Forscher.
USA-Reisende nach Salvador, Venezuela, Guatemala, Kolumbien trugen bereits das Virus in sich, als sie wieder in ihr Heimatland zurückkamen. Bis jetzt haben sie das Virus innerhalb Nordamerikas aber noch nicht weitergegeben. Die Behörden sind dennoch besorgt. Und das, obwohl man das Virus hier schneller entdecken und bekämpfen könne als in den anderen Ländern. Für die Experten des US-Instituts für Humane Infektion und Immunität sind die Bundesländer Florida und Texas besonders exponiert. Das Risiko, sich mit dem Zika-Virus zu in zieren, ist zwar gering, trotzdem sollte man Vorkehrungen treffen und feuchte Gebiete, in denen sich Schnaken aufhalten, meiden.
Obwohl es noch nicht hundertprozentig erwiesen ist, dass das Zika-Virus Mikrozephalie hervorruft, warnen Wissenschaftler Schwangere davor, in Gebiete zu reisen, in denen das Virus vorkommt. Gesunden Erwachsenen schadet das Virus eigentlich nicht, behauptet das Newsmagazin der Alternative Daily. Man schützt sich durch eine bedeckende Kleidung, Moskitospray und indem man Gebiete,
wo Schnaken auftreten, meidet.
Ob sie damit Recht haben? Was berichten wissenschaftliche Zeitungen? Als 2008 die Insektenkundler Foy und Kobylinski der Colorado-State-Universität von einem Forschungsaufenthalt aus Senegal zuhause plötzlich geschwollene Gelenke, Kopfschmerzen und Hautausschläge feststellten, wussten sie nicht, woran sie erkrankt waren. Ihre Symptome passten zu keiner der ihnen bekannten Virusinfektionen. Ein Jahr später trafen sie den Virologen der University of Texas, Andrew Haddow, der auf Zika-Viren tippte. Haddow fand tatsächlich Zika-Antikörper im Blut von Foy und Kobylinski und berichtete, dass es in Afrika 50 Jahre lang zu sporadischen Erkrankungen mit dem Virus kam.
Wissenschaftler haben sich dafür allerdings nicht sonderlich interessiert. Mittlerweile hat sich diese Situation geändert. Seit acht Jahren verzeichnet man den vermehrten Ausbruch in Südost-Asien und den pazifischen Inseln. Zwischen 2013 und 2014 war jeder zehnte Bewohner von Französisch-Polynesien erkrankt. Durch die Fußball-Weltmeisterschaft wurde das Virus nach Brasilien eingeschleppt.
Professor Duane Gubler, Leiter des »Program on Emerging Infectious Diseases« der Duke National University in Singapur, geht davon aus, dass es unweigerlich zu Ausbrüchen der Krankheit im Süden der USA und Südeuropa kommen wird. Er erklärt: »Das Zika-Virus-Pathogen gleicht den bekannteren Flaviviren wie dem Dengue-, West-Nil-, Gelbfieber- oder dem Japan B Encephalitis-Virus. Nach einer Inkubationszeit von zwölf Tagen leiden die Patienten an Kopf-und Gelenkschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Es kann auch zu Augenentzündungen kommen. Die Infektion klingt häufig wieder von selber ab.«
Allerdings vermehren sich in Brasilen Fälle einer kongenitalen Mikrozephalie, die bei ungeborenen Kindern auftritt. Forscher vermuten, dass eine Virusinfektion, die während der Schwangerschaft erfolgte, zu einer Fehlbildung des Zentralnervensystems führt. Im Blut und Gewebe der erkrankten Babys fanden die Forscher das Zirka-Virus. Dem »European Center for Disease Prevention and Control« reichen diese Beweise nicht aus, obwohl ein Zusammenhang dennoch wahrscheinlich ist.
Die Brasilianischen Behörden wollen jedoch nicht länger warten. Sie sendeten 25.000 Soldaten in den Nordosten Brasiliens, um den Träger des Zika-Virus auszurotten. Es ist ein schwieriges Unterfangen, weil jeder noch so kleine Wasserfleck als Brutstätte der Aedes-Aegypti-Mücke dient. Forscher erhoffen sich einen Erfolg mit transgenen, sterilen Mücken und versuchen, die Übertragung der Viren mit Wolbachia-Bakterien zu unterbinden. Allerdings dauert es sehr lange, bis man mit diesen Methoden einen Erfolg verzeichnen kann.
Didier Musso, Virologe des Lous Malardé Institutes in Tahiti, fand in 593 Blutspende-Proben Antikörper gegen das Dengue- und das Zika-Virus. Auch das Japan B-Encephalitis-Virus oder das West-Nil-Virus waren vorhanden. Daraufhin forderten die Ärzte in den betroffenen Ländern, die Transfusionsmedizin besser zu überwachen. Dr. Musso fand weiterhin heraus, dass in Einzelfällen ein ungeschützter Geschlechtsverkehr zu einer Infektion führt.
Forscher konnten Viren im Sperma nachweisen. Literatur über Zika gibt es kaum. Im Dezember lagen nur 214 Veröffentlichungen vor, wobei es über Dengue 14.700 Studien gibt.
Für die Weltgesundheitsorganisation gehören seit Neustem nicht mehr HIV, Tuberkulose, Malaria, Influenza oder Dengue zu den gefährlichen Krankheiten, sondern Ebola, das Marburg-Fiber, MERS, SARS und das Zika-Fieber. Diese Erreger haben das Potential, eine Epidemie auszulösen, erklären Virologen. Reisende sollen keine helle Kleidung tragen und Repellentien mitnehmen. Einen Impfstoff gibt es nicht. Schwangere sollen die Regionen meiden, in denen das Virus vorhanden ist.
Die Weltgesundheitsorganisation fürchtet dennoch den Zusammenhang zwischen Mikrozephalie und dem Virus. Dr. Margaret Chan, Direktorin der WHO, vermutet eine enge Beziehung des Zika-Virus zu der neurologischen Missbildung.
Die vier lateinamerikanischen Länder Ecuador, El Salvador, Jamaika und Kolumbien empfehlen Frauen, eine geplante Schwangerschaft hinauszuzögern. In El Salvador sollen Frauen zwei Jahre warten, um wieder Kinder zu bekommen. Schwangere Frauen, die das Virus in sich tragen, sind beunruhigt. Monica Roa aus Madrid, Direktorin des Programmes Women’s Link Worldwide, das sich für Menschenrechte von Frauen einsetzt, erachtet den Vorschlag, eine Schwangerschaft hinauszuzögern, als unrealistisch:
»Man vergisst, dass Frauen bei einer Vergewaltigung schwanger werden können. Bei mehr als 50 Prozent der Frauen erfolgt eine Schwangerschaft ungeplant. Frauen sollten die Möglichkeit einer Abtreibung haben, wenn sie mit dem Virus in ziert sind. Nur ist das in vielen Ländern von Lateinamerika immer noch illegal. So kann es passieren, dass Frauen eine Abtreibung bei nichtmedizinischem Personal durchführen und selber daran sterben können. Deshalb muss die Empfehlung, eine Schwangerschaft zu verzögern, mit der Erlaubnis einer Abtreibung verbunden sein«, sagt sie.
Aber wie »sicher« ist schon eine Abtreibung. In der letzten Januarwoche hörte man von einer Abtreibung in Italien. Die Teenagermutter, die nicht wusste, dass sie schwanger war, behandelte ihre Gesichtsakne mit einer Salbe, die ihrem Ungeborenen eventuell hätte schaden können. Die Ärzte rieten ihr zu einer Abtreibung. Bei dem Eingriff verblutete die junge Mutter. Wie sich herausstellte, war ihr Kind gesund. »Muss man ein Kind töten, um eine Krankheit zu behandeln?«, fragt Pfarrer Boquet, Leiter von Human Life International.
Inzwischen haben Mediziner viele Babys mit Mikrozephalie untersucht. Dr. João Ricardo de Almeida aus Brasilien ist über die Ergebnisse sehr erschrocken. Mikrozephale Babys, deren Mütter während der Schwangerschaft an dem Zika-Virus erkrankt sind, unterscheiden sich von den Kindern, die einen kleineren Schädel durch eine Toxoplasmose, das Cytomegalovirus oder eine Rötelviruserkrankung entwickelten. Das Gehirn hat normalerweise eine korallenartig verkrümmte Oberfläche. Das Gehirn dieser Babys ist hingegen glatt. Eine Rehabilitation eines derartigen Defektes ist unmöglich. So ein Gehirn kann nicht funktionieren. Diese Kinder brauchen bis an ihr Lebensende Pflege.
Dr. Albert Ko von der Yale Universität vermutet, dass das Zika-Virus noch weitere Entwicklungsschäden hervorruft. »Wir sehen Kinder, deren Kopf normal ausgebildet ist. Sie besitzen jedoch neurologische Veränderungen, oder ihre Augen sind missgebildet. Das bedeutet, Kinder die normal aussehen, bleiben in ihrer Entwicklung zurück. Je mehr Einblicke wir erhalten, desto beunruhigender sind unsere Ergebnisse. Mikrozephalie könnte nur die Spitze des Eisberges sein.«


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