Donnerstag, 10. September 2015

Ist das Leben von Behinderten wirklich nutzlos?



Dr. Edith Breburda
Christliches Forum, 10. September 2015
 
Vor 45 Jahren wollte eine Familie mit zwei behinderten Söhnen nach Lourdes reisen. Damals war jedoch keine Gruppe bereit, die Pilger mitzunehmen. Die Eltern Thadee und Loice entschieden, sich allein auf den Weg zu machen. Leider hatten sie wenig Glück, ein Hotel zu finden. Schließlich fanden sie eine Unterkunft, mussten dort aber in ihrem Zimmer essen und durften nicht nach unten in den Speisesaal kommen, um die anderen Gäste nicht zu stören. Die Familie musste sich auf ihrer ganzen Reise  Kommentare anhören, dass sie sich die Pilgerfahrt hätte sparen können, denn den behinderten Jungen würde es sowieso nichts nutzen, in Lourdes zu sein. Bei der ganzen Reise handle es sich nur um herausgeschmissenes Geld.

Als Marie-Helene Mathieu, die schon damals vor 45 Jahren Sonderschullehrerin war, von der Geschichte hörte, war sie empört. Sie kontaktierte Jean Vanier, den Mann, der dazu beigetragen hatte, die L’Arche, einen Verband für Behinderte, zu gründen.
Die Familie, die in Lourdes Trost, Hilfe und zumindest geistige Heilung suchte, stattdessen aber abgewiesen wurde, war der Beginn der Glaube- und Licht- (Faith and Light) Bewegung. Heute existieren 1.500 Gemeinschaften in über 80 Ländern. Die Organisation lebt nach dem Motto der Seligpreisungen: Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.
Heute werden die intellektuellen wie auch physischen Bedürfnisse behinderter Menschen eindeutig besser gehandhabt; dennoch erwarten diese Menschen eine Freundschaft, die über die Grundbedürfnisse hinausgeht.
„Behinderte müssen das Gefühl bekommen, selber etwas für die Gesellschaft beizutragen, nur dann fühlen sie sich als volle Menschen. Sie sollen nicht nur empfangen, sondern auch geben, denn das ist es, was sie glücklich macht“, erklären Marie-Helene Mathieu und Jean Vanier.
Faith und Light konzentriert sich deshalb auf drei Hauptpunkte:

1) Behinderte sollen erkennen, dass sie von Gott besonders geliebt werden. Auch sie können den Grad der Heiligkeit erreichen. 
2) Eltern von Behinderten dürfen nicht alleine gelassen werden. Wir sollten ihnen helfen, den Sinn und die oft nicht beachtete, verborgene Schönheit im Leid zu sehen. 
3) Die Lehre der Kirche sollte vorgelebt werden, welche jeden Menschen seine Würde zugesteht, auch wenn er geistige oder physische Behinderungen hat.

Marie-Helene Mathieu ist froh, dass vor 45 Jahren in Lourdes die Idee für Faith und Light aufgrund der Diskriminierung einer behinderten Familie entstand. Wir leben in einer Zeit, wo das Leben kompromittiert wird. Mathieu ist besonders besorgt, dass in Amerika und Europa 90% der Kinder mit Down Syndrom abgetrieben werden (siehe auch: Reproduktive Freiheit, free for what?).
„Wir alle bilden den Körper Jesus Christus. Und doch werden Leute mit Trisomie-21 als weniger wertvoll angesehen. Im Grunde sind jedoch gerade die schwachen Glieder am Unentbehrlichsten. Es gehört zu dem besonderen Charisma der Behinderten, das Herz ihrer Mitmenschen zu erreichen und aufzuschließen. Behinderte, die wegen ihres Gebrechens von der Gesellschaft zurückgewiesen werden und deren Leben als nutzlos angesehen wird, sind in Wirklichkeit ein Geschenk Gottes. Sie sind die Ärmsten der Armen, die Sanft- und Demütigen.
Durch ihre Bedürftigkeit geben sie uns, die wir in einer hektischen Welt leben, die Chance, sich um sie kümmern zu dürfen. Die menschliche Familie kann nur Frieden finden, wenn wir uns den Armen und Schwachen zuwenden und sie aufrichten. Die Kirche muss dafür sorgen, dass Behinderte nicht doppelt leiden. Einmal, weil sie anders sind als wir und zweitens, weil sie die Gesellschaft zurückweist. Die Mitglieder der Bewegung Faith and Light kommen jeden Monat zusammen, um das Leben selber zu feiern. Sie beten, spielen und essen gemeinsam. Durch so einfache Dinge können sie das Leben verändern. Die Organisation pilgert jedes Jahr zu einem Wallfahrtsort und alle 10 Jahre noch Lourdes. Dort wo alles angefangen hat. Sie wollen der Gottesmutter danken(1).

Auch die Familie Prendergast aus Elkhorn in Wisconsin, USA, weiß von den Vorurteilen, die anders aussehende Menschen hervorrufen. Sie hatte vor Jahren 2 Mädchen aus China adoptiert. Die Kinder wurden zurückgewiesen und waren die Letzten auf der Adoptionsliste. Keiner wollte sie. Der Grund: sie hatten beide eine Deformation ihres Gesichtes. Eine Nase war nicht vorhanden und die Augen standen weit auseinander. Sie hatten einen Geburtsdefekt, auch Meningoencephalocele genannt.
Wegen der Einkind-Politik in China, in der vor allem Jungen erwünscht sind, haben behinderte Mädchen keine Chance.
Als die eigenen Kinder der Familie Prendergast das Teenageralter erreicht hatten, drängte es die Eltern, Kinder aus China zu adoptieren.
Zwischen 1999 und 2013 wurden in China 71.632 Kinder adoptiert. Viele von ihnen waren Mädchen, jünger als zwei Jahre. Die Prendergast wollten ein älteres Kind. Mutter Kimberly entdeckte das Foto von Molly, legte es aber zur Seite. Sie dachte, sie könnten so ein Kind nicht haben. Es sei zu schwierig, sich ihrer anzunehmen. „Beinahe hätte ich das Licht meines Lebens nie kennengelernt. Ein Leben ohne meine Adoptivtöchter kann ich mir nicht mehr vorstellen“, sagt Kimberly. Die Töchter wurden operiert, jetzt haben sie ein Gesicht. Jetzt ist Molly 13, sie ist ein gescheites junges Mädchen. Die Familie will noch zwei Söhne aus China adoptieren. Billy und seinen Freund Allan. Beide haben Hasenscharten und auch sie wollte keiner. Im September wollen die Eltern nach China fliegen, um ihre neuen Söhne abzuholen (2).

Ist ein Leben eines Behinderten wirklich so nutzlos?
Immer öfter hören wir von Kindern mit Down-Syndrom, die uns zutiefst berühren. Am 9.9.2015 konnte man in vielen Zeitungen der USA über Connie-Rose lesen. Die 2-Jährige mit Down-Syndrome bekam einen Vertrag als Model, weil ihre Bilder um die Welt gingen und die Herzen vieler begeisterte(3). 

 


In Amerika ist die kleine Audrey Santo vielen ein Begriff. Sie fiel am 9. August 1987 als Dreijährige in das Schwimmbad der Familie. Danach konnte sie sich nicht mehr bewegen oder sprechen. Die Mutter wandelte das Zimmer ihrer Tochter in eine Wallfahrtsstätte um. Und tatsächlich kamen immer mehr Menschen, die behaupteten, durch ihren Besuch bei Audrey geheilt worden zu sein. Es waren so viele, dass man das behinderte Kind in ein Stadium bringen musste. Kritiker behaupten, die Mutter hätte das alles nur in ihre Tochter hineininterpretiert, um dem Leben ihres Kindes einen Wert, einen Sinn zu geben. Wie dem auch sei. Audrey ist mittlerweile gestorben. Einige streben ihre Seligsprechung an. Erstaunlich ist, dass ein behindertes Mädchen Massen anzieht, die durch sie Hilfe erfahren (4).

Literatur:
1) Antonetti S.: Marie-Helene Mathieu: A life devoted to the intellectually disabled. Aleteia,  8. September 2015
2) Idzera C.W.I.: Elkhorn family adopts children with facial differences. Wisconsin State Journal, 29. August 2015
3) Ledebetter C.: Connie-Rose, Toddler Model with Down Syndrome, Wins Hearts Everywhere. Huffpost, 09.09.2015
4) Little Audrey Santo Foundation. http://www.littleaudreysantofoundation.org/





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