Vorbei sind die Zeiten, als Frauen Bikinis als unanständig ablehnten, nachdem sie erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Heute scheint sich das Pendel in die entgegengesetzte Richtung bewegt zu haben.
Vor Kurzem traf sich eine Gruppe deutscher Damen im Alter zwischen 80 und 90 Jahren in einem Café im kalifornischen Pacific Grove – einem malerischen Küstenstädtchen auf der Monterey-Halbinsel, das zu einer sogenannten „Blue Zone“ gehört. In der Annahme, niemand werde sie verstehen, unterhielten sie sich über einen Modetrend, der ihnen völlig unverständlich erschien.
Unterwäsche als Oberbekleidung – und möglichst wenig Stoff darüber – erobert zunehmend die amerikanische Modewelt. Unter dem vielsagenden Namen „Naked Dressing“ ist es gesellschaftlich akzeptiert, mehr als allgemein üblich von seiner Anatomie zu zeigen. Je weniger Stoff, desto exklusiver das Outfit.
Die Journalistin Suzanne Kapner berichtet in ihrem Artikel „Naked Dressing Is Spreading—and It’s Making Things Awkward“ (Wall Street Journal, 1. August 2026), über unzählige Frauen, die diesen Trend als Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung empfinden.
„Wo ist eigentlich der Rest deiner Kleidung?“, fragte der Apotheker David Epstein aus Fort Washington seine Frau Jennifer, als sie besonders freizügig erschien. Die 43-Jährige ließ sich davon nicht beirren. Zwar gibt ihr Mann zu, dass ihn ihre Kleiderwahl immer wieder überrascht und ihm gewöhnungsbedürftig erscheint, doch Jennifer ist überzeugt, er verstehe schlichtweg nichts von Mode, denn seine Antwort lautet lediglich: „Du hast recht.“
„Es gibt mir Macht“, sagt Jennifer Epstein. Für sie ist Naked Dressing „eine Art moderner Feminismus, der Selbstbewusstsein und Weiblichkeit auf eine ganz eigene Weise zum Ausdruck bringt.“
Der englische Begriff muss nicht übersetzt werden. Wie viele Modebezeichnungen hat auch „Naked Dressing“ längst Eingang in den internationalen Sprachgebrauch gefunden. Designer präsentieren Kollektionen, die mit Transparenz, Spitze und Dessous spielen. Was früher ausschließlich als Unterwäsche galt, hängt heute in den Schaufenstern exklusiver Modeboutiquen.
Doch nicht jeder begegnet diesem Trend mit Begeisterung. Als Christian Espinosa, Gründer eines Cybersicherheitsunternehmens, zu einem Geschäftsessen in Scottsdale (Arizona) erschien, fiel ihm sofort eine Frau auf, die lediglich ein „Bralette“ und einen transparenten schwarzen Rock trug. „Ich bin normalerweise nicht leicht aus der Ruhe zu bringen“, sagte der 47-Jährige. „Aber ich erinnere mich, dass ich dachte: Ich weiß gar nicht, wo ich hinschauen soll.“Wie sich später herausstellte, war genau diese Frau die Hauptrednerin des Abends. Espinosa bemerkte, dass viele Anwesenden kaum zuhörten, weil sie hauptsächlich über ihre „Erscheinung“ tuschelten.
Für Anhängerinnen des Naked Dressing gibt es inzwischen zahllose Konstellationen, Aufmerksamkeit zu erregen. Zara widmet auf seiner Internetseite eine eigene Kategorie den sogenannten „Lingerie Dresses“. L’Agence verkauft Spitzenkleider, die bewusst wie luxuriöse Dessous wirken.
Michael Kors kombiniert Bralettes mit eleganten enganliegenden Hosen und nennt seine Kollektion passenderweise „Show Off“. „Wir kombinieren BHs nicht mit Unterwäsche, sondern mit Panties“, erklärt Haley Palese, Designerin der Marken „Aerie und Offline“. Auch Victoria’s Secret, die exklusive Unterwäschenboutique, die in keiner amerikanischen Shopping-Mall fehlt, setzt auf den neuesten Stil- trägerlose BHs ohne Unterhemd oder Bluse.
Model Hailey Bieber präsentierte einen solchen BH unter einer offenen Jacke. Hillary Super, Geschäftsführerin von Victoria’s Secret und Pink, beschreibt die Philosophie der Marke mit den Worten: „Innerwear as outerwear.“ Immer mehr Menschen tragen Kleidung, die früher ausschließlich für den privaten Bereich bestimmt war. Mit „global warming” dürfte dies wahrscheinlich wenig zu tun haben.
Viele Frauen empfinden freizügige Kleidung als befreiend und stärkend. Andere hingegen sehen die Entwicklung kritisch. Die New Yorker Stylistin Brooke Rounick meint: „Ladies fühlen sich unwohl in einem Outfit, das einem Bikini ähnelt. Man braucht schon ein großes Maß an Selbstbewusstsein, um in sichtbarer Unterwäsche aus dem Haus zu gehen.“
Noch deutlicher wird die Juristin Regina Levy aus Westchester, New York: „Für mich ist das ein klares Nein. Ich habe zwei Söhne im Teenageralter. Sie würden verrückt werden, wenn ihre Mutter so herumlaufen würde.“
Ganz neu ist diese Modeerscheinung nicht. Bereits in den vergangenen hundert Jahren wurde Kleidung immer freizügiger. Korsetts und Unterwäsche inspirierten Designer schon früh. In den 1930er-Jahren trug die Schauspielerin Mae West ein transparentes Spitzenkleid, dessen private Bereiche lediglich durch geschickt platzierte Blumen verdeckt wurden. Jane Birkin wurde für ihre durchsichtigen Strickkleider bekannt. Madonna machte den legendären Kegel-BH von Jean Paul Gaultier während ihrer „Blond Ambition Tour“ weltberühmt. Kate Moss sorgte mit ihrem silbernen, nahezu hauchdünnen Kleid für Schlagzeilen.
Die Entwicklung infiltriert, wie könnte man anders meinen, Filmfestspiele, die bereits 2025 als Naked Dress Jahr rühmten. Das Festival in Cannes führte eine „No Nudity Policy“ ein, nachdem immer mehr prominente Gäste mit nahezu nackten Auftritten Blicke auf sich zogen. Stars wie Bella Hadid oder Riley Keough ließen sich davon allerdings kaum beeindrucken. Sie sind empört über die „Überwachung ihrer Körper“ (policing of their bodies) und tun sich zusammen, um ihr „Kapital“ auf dem roten Teppich zu zeigen. „Ein bisschen Haut zu zeigen, kann nicht schaden“, ist ihr Argument.
Hochzeiten bleiben von diesem Trend nicht verschont. Immer häufiger erscheinen Gäste in Outfits, die der Braut die „Bewunderung“ stehlen. Hochzeitsplanerin Nikita Khandhira berichtet von einem Fall in Kalifornien, bei dem eine Gästin lediglich in einem hautfarbenen String-Bikini-Unterteil und einem Bandeau-Top erschien. Khandhira kaufte ihr kurzerhand in einer Boutique auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein anständiges Kleid. „Die Menschen wissen offenbar nicht mehr, wie man sich angemessen kleidet“, sagt sie. „Deshalb geben wir inzwischen detaillierte Kleidungsvorschriften heraus – und halten zur Sicherheit sogar Ersatzkleidung bereit.“
Suzanne Kapners Artikel im WSJ kann man durchaus etwas abgewinnen. So mancher Priester klagt über Hochzeiten. Ein Generalvikar einer katholischen US-Dioecese bemerkt schlichtweg, Schals anzubieten, welche sich die Leute überhängen, um nicht ganz so blamiert dazustehen. Nicht ohne Grund hängt in einem der exklusivsten Restaurants Sedonas, umgeben von den spektakulären Red Rocks Arizonas, ein Schild am Eingang, das den Gästen genau erklärt, welche Kleidung erwartet wird. Offenbar sind Dresscodes heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
„Dress to impress“, bzw. sich schick zu kleiden, scheint vielerorts an Bedeutung verloren zu haben. Während angemessene Kleidung früher häufig als Ausdruck von Respekt gegenüber dem Anlass und den Mitmenschen verstanden wurde, steht heute vielfach die persönliche Selbstdarstellung im Vordergrund.
Diese Entwicklung birgt die Gefahr, dass Frauen zunehmend über ihren Körper wahrgenommen werden und weniger über ihre Persönlichkeit. Ob dies tatsächlich ein Fortschritt im Sinne der Selbstbestimmung ist oder vielmehr eine neue Form der Objektivierung darstellt, darüber wird unsere Gesellschaft wohl noch lange diskutieren.
Mode interpretiert stets die Grenze zwischen Bedecken und Enthüllen. Für Ärzte, Künstler und Eheleute hat Nacktheit einen anderen Sinn, weil sie sich auf Heilung, eheliche Liebe, künstlerische Wahrheit oder die ursprüngliche Unversehrtheit ausrichtet. Es ist eine notwendige oder gute Intention, die unvermeidliche Entblößung mit sich bringt.
Theologen sprechen von einem Prinzip der Doppelwirkung: Die Absicht des bestmöglichen Nutzens steht im Vordergrund. Wenn demzufolge ein positives Gut nicht anders erzielt werden kann, sieht die Gesellschaft es nicht als etwas Anrüchiges oder Unanständiges an, unvermeidliche Gegebenheiten in Anspruch zu nehmen.
Im Gegensatz dazu kann freiwillige Entblößung je nach Umständen Begierde auslösen. Selbst wenn die Person ihre Handlung nicht als anstößig ansieht, kann sie skandalös wirken und andere psychisch belasten.
Öffentliche Nacktheit, Pornografie oder sorglose Entblößung werden daher strenger beurteilt als private oder berufliche Kontexte, was dem Schutz der persönlichen Integrität und der moralischen Ordnung dienen sollte. Im öffentlichen Raum bleibt der Blick unkontrolliert, die Absicht gemischt. Ob Empowerment-Ansprüche in der modernen Gesellschaft sowie eine verstärkte Sexualisierung des Alltags „Naked Dressing” rechtfertigen, bleibt dahingestellt.
Für die Modejournalistin Santya Ahuja ist eine Sache momentan sicher: „Nacktes Dressing ist wieder „in“. Es wird schwieriger zu ignorieren, dass sich der rote Teppich lebendiger, befreiend, und „mutiger“ anfühlt. Es geht um Autonomie, Kontrolle und die Kunstfertigkeit von Mode. Durchsichtige Mesh-Roben, körperbetonte Netzkleider und provozierende Schnitte, sollen Selbstbewusstsein und Identität ausdrücken. Bei Nacktheit auf dem roten Teppich bleiben alle stehen und starren“.
Quellen
Suzanne Kapner: Naked Dressing Is Spreading—and It’s Making Things Awkward. The Wall Street Journal, 1. August 2026.
Edith Breburda: Verheißungen der neuesten Biotechnologien. Überarbeitete Neuauflage. ISBN: 10 0960069526, ISBN 13: 978-0960069521, Erschienen 25 März 2021, Scivias Publisher, erhältlich bei Amazon.de
Santya Ahuja. After a ban at the Oscars, is nudity back on the red carpet. Cosmopolitan, September 2025











